Christopher Kloeble und das Museum der Welt

Christopher Kloeble schreibt in Das Museum der Welt über die Erforschung Indiens und wie sich Vergangenheit und Gegenwart, Fremdes und Eigenes in einem Abenteuerroman zu einer Welt zusammenfügen.

Ich übersetze nicht nur Worte, sondern auch das Land.
(Bartholomäus, der mindestens zwölfjährige Waisenjunge aus Bombay,
Hauptfigur von Christopher Kloebles Museum der Welt)

Die Expedition der Gebrüdern Schlagintweit durch Süd- und Zentralasien in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist Ausgangspunkt und Hintergrund dieses atemberaubend spannenden Abenteuerromans von Christopher Kloeble, der aus der Sicht eines neugierigen und selbstsicheren Waisenjungen auf der Suche nach seiner eigenen Identität erzählt. Die dreijährige Reise prägte die westlichen Vorstellungen von Indien in ihrer Zeit, lieferte aber auch kolonialpolitisch relevante Informationen. Christopher Kloeble nutzt sie für eine manchmal nachdenkliche, manchmal ironisch-humorvolle Ergründung der damals genauso wie heute relevanten vielschichtigen und ambivalenten Beziehungen zwischen Forscher und Erforschtem, Kolonisator und Kolonisiertem, zwischen Indien und dem Westen.

Lesung von Christopher Kloeble aus Das Museum der Welt. Film © zehnseiten.de

Christopher Kloeble im Gespräch

Am Anfang

… habe ich einfach von dieser Geschichte, den Schlagintweits gehört: Drei Bayern reisen Mitte des 19. Jahrhunderts nach Südasien und nur zwei von ihnen kommen zurück. Das klang gut so als Pitch, auch weil ich selber seit einigen Jahren viel Zeit in Indien verbringe und aus Bayern komme. Je mehr ich darüber las, umso spannender fand ich es, und irgendwann wurde mir bewusst: Ja, ich kann das so erzählen. Aber was ist da erstens die Relevanz und zweitens warum soll ich das heute nochmals so erzählen, nochmals der weisse Mann aus dem Westen über die weissen Männer aus dem Westen? Ich merkte, dass ich den Spiess umdrehen muss.

Bartholomäus

…. ist ein Junge aus Indien, der das alles kritisch sieht, aber auch begeistert und beeindruckt ist vom Wissen dieser Männer, die von so weit herkommen und so viel können. Es ist diese komische Mischung, die es bis heute tatsächlich in Indien gibt und die auch problematisch ist. In meiner Familie reden wir ganz oft von der «Kolonisierung der Seele».

Christopher Kloeble mit seiner Frau, der Schriftstellerin Saskya Jain 2012

Gleichzeitig wollte ich auch jemanden haben, der etwas freier kommentieren kann. Was bedeutet das, wenn jemand in ein Land kommt und sagt: Das heisst nun soundso, und das gehört jetzt uns, und wir wissen sowieso alles besser? Mit Bartholomäus bekam die Geschichte für mich einen neuen Reiz und hat auch viel mehr mit unseren heutigen Problemen zu tun.

Wenn ich einen Erwachsenen genommen hätte, dann hätte der schon viel festgefahrener sein müssen. Aber dieser Junge, der hat eine gewisse Narrenfreiheit und genau das ist er eigentlich auch, ein Hofnarr, der Sachen sagen kann, ohne zu grosse Konsequenzen.

Bartholomäus ist eine Idee, eine Fantasie. Alle anderen Figuren, die vorkommen, gab es; und bis ins Detail ist das, was im Roman passiert, so passiert. Wenn es an einem Tag regnet, dann hat es – basierend auf meinen Recherchen – tatsächlich geregnet.

Das Museum der Welt

… soll ganz konkret im Roman das erste Museum Indiens sein. Bartholomäus hat die Idee, dass wenn die Engländer, die die halbe Welt beherrschen, wissen wollen, wer sie sind, sie dafür nur ins British Museum gehen müssen. Dort sehen sie, was sie alles haben und wer sie sind. Er sagt sich: Wenn wir in Indien auch so was hätten, wüssten wir besser, wer wir sind.

Das Museum ist aber auch das, was wir tatsächlich im Roman lesen, eine Sammlung von Objekten, nicht nur konkreten, sondern alles, was Bartholomäus sammelt, auch Dinge, die zum Teil unsichtbar sind. Er versucht holistisch zu sammeln, wie sein grosses Vorbild Alexander von Humboldt das vielleicht getan hätte.

Die Gebrüder Schlagintweit

… findet Bartholomäus erst mal eher abstossend. Sie haben wenig Ahnung, und warum sollte man sich so anziehen, sich so geben? Da sind sehr viele Ambivalenzen im Spiel, die sich im Verlauf der Geschichte immer wieder verändern, und das ist natürlich auch Absicht. Bartholomäus‘ Verhältnis zu den drei Brüdern kann ja nicht gleichbleiben, bei machen wird es besser, bei einem ist es sehr eng, beim andern gar nicht.

Wenn man drei Jahre zusammen verbringt und es auch immer wieder um Leben und Tod geht, kommt man sich natürlich ziemlich nahe. Die Brüder werden zu einer Art Ersatzfamilie für Bartholomäus. Dennoch sind sie die weissen Westler und werden immer das Gefühl haben, dass sie was anderes und vielleicht auch Besseres sind.

In dem Roman

… sind verschiedene Romane enthalten, darunter eine, wie man heute sagen würde, Coming of Age-Geschichte. Bartholomäus wächst und wächst aus sich selbst heraus. Er findet – ohne zu viel verraten zu wollen – einiges über sich heraus, und sicherlich auch diverse Dinge, die er nicht herausfinden wollte.

Es ist auch eine Suche nach der eigenen Identität, und da steht Bartholomäus für Südasien, für eine Gemeinschaft von Völkern und Religionen und Königreichen, die damals existierten und die sehr unterschiedlich waren. Er steht für diese ganze Mischung.

Die Reise der Schlagintweits führt in den tiefsten Süden und die höchsten Berge, und über die Grenzen hinweg, die es damals gab. Bartholomäus lernt nicht nur die Geographie seines Landes, sondern auch die der Seele seines Landes kennen, und er fragt sich: Wer sind wir eigentlich? Warum lassen wir uns, obwohl wir so viele sind, so unterschiedlich und so viel zu bieten haben, etwas sagen von jemandem, der ganz woanders herkommt?

Beim Schreiben

… habe ich gemerkt, dass ich eigentlich schon seit vielen Jahren für dieses Buch recherchiert hatte. Seit über zehn Jahren, seit ich Zeit in Indien verbringe, befinde ich mich in einem ständigen Dialog mit anderen und mit mir selbst über die Unterschiede in unserer Wahrnehmung. Ich werde immer wieder in die andere Perspektive hineingezwungen, wenn ich in Indien bin, in ein Mischverhältnis, weil ich Familie dort habe, andererseits aber von hier bin und mir das alles sehr fremd vorkommt. Das Deutsche dann allerdings aber auch, wenn ich zurückkomme nach Deutschland.

Christopher Kloeble während seinen Recherchen in Usbekistan

Wenn ich «nur recherchiert», ein paar tausend Seiten gelesen und dann darüber geschrieben hätte, wäre ich in dieser Tradition eines Max Müllers, des bekanntesten Sanskrit-Forscher, der niemals nach Südasien gereist ist, geblieben.

Es ist sehr viel mehr Privates in dieses Buch reingeflossen, als in manche meiner anderen Bücher, deren Handlung eher in der Gegenwart spielt.

Quellen

… gibt es irre viel und das war auch sehr dankbar. Die Schlagintweits haben sehr viel, sehr gern, sehr minutiös dokumentiert, auf Abertausenden von Seiten, und das Tolle an diesen Aufzeichnungen ist, dass sie eins zu eins zeigen, wie sie damals die Welt sahen.

Die Schlagintweits waren begabte Zeichner. Da sind Hunderte von Zeichnungen und Gemälden entstanden und die sind heute immer noch sehr spannend für die Forschung, weil sie uns zeigen, wie die Schlagintweits das damals gesehen haben und wie sie wollten, dass wir es sehen. Ein Beispiel wäre ein Bild, das eine Gebirgslandschaft zeigt. Man schaut sich das an und denkt, das muss ja eine karge, harte Gegend gewesen sein. Tatsächlich hat man heute aber nachgewiesen, dass sie den Ausschnitt so gewählt haben, dass man das Tal weiter unten grad nicht sieht und auch das Dorf nicht, das in diesem Tal liegt. In Berlin konnte man das Bild präsentieren und sagen: Schaut mal in was für einer Wildnis und Einöde wir unterwegs waren! Keiner konnte das überprüfen, es gab ja noch kein Internet.

Gemälde der Schlagintweits

Das ist eigentlich das, was wir als Autoren machen, sie haben eine Geschichte erfunden, und um mehr Wirkung zu erzielen, haben sie sich dafür entschieden, diesen Ausschnitt zu wählen.

Die Schlagintweits haben zwar viel aufgeschrieben, aber sie waren lange nicht so gute Autoren wie Humboldt, und das war eigentlich auch ganz dankbar. Manchmal stand da so ein Satz wie: Letzte Nacht Überfall auf dem Berg, starkes Nasenbluten, um 11.20 geht es weiter. Da denkt man, was genau ist denn da passiert? Und das konnte ich mit Fantasie füllen, das hat mir Freiraum gelassen.

Das Indien von damals

… ist sehr mannigfaltig. Da sind die Klischees. Wir neigen aus westlicher Sicht dazu, uns auf Extreme zu kaprizieren. Entweder geht es um Slums, Armut, die Kasten und den Dreck, oder um das Exotische, Fantastische, die vielen Farben, Elefanten, Gewürze. Ich verstehe natürlich, wie sich so was entwickelt, aber das ist, wie wenn wir von hier nur Starkbierfeste zeigen und wie die Leute Steuererklärungen ausfüllen. Das hat mich oft gestört, nun wo ich Indien besser kenne. Deshalb ist es mir in dem Buch und generell wichtig, zu erzählen, wie wahnsinnig komplex das ist.

Madras

Jeder Versuch, der damit startet zu sagen, ich zeig Euch nun mal ein bisschen, wie Indien ist, kann nur scheitern. An jede Aussage über Indien kann man einen Satz anschliessen, der mit «aber» beginnt.

Am Anfang habe ich den Fehler auch oft begangen. Ich versuchte Freunden zu erklären, in Indien ist das so und so. Ich kann mich gut erinnern, wie meine Frau mich dann von der Seite anguckte und sagte: Na ja, ich will dir jetzt nicht in den Rücken fallen, aber das stimmt nun nicht ganz. Wenn du so viele Sprachen, Dialekte, Religionen, Menschen hast, wie willst du da eine einzige Antwort haben?

Die Forscher

… könnte man vordergründig sagen, haben es nur gut gemeint. Die Schlagintweits wollten Informationen sammeln, wie Humboldt das tat, und ich glaube ihm das auch, dass er dachte, das Wissen müsse gesammelt werde, um die Welt besser zu verstehen. Aber nichts desto trotz, egal wie gut die Absichten sind, mit denen man Informationen sammelt, kommt es dann doch darauf an, wer später diese Informationen erhält und was damit geschieht.

Wenn man weiss, was wo angebaut werden kann, wer wo herrscht, wo die besten Wege über die Berge sind, und wo man Truppen transportieren kann, dann hat man auch ziemlich viel Macht.

Bahnhof in Delhi

Die Zeit

… in der die Schlagintweits reisten, war eine sehr spannende, denn die drei Jahre ihrer Expedition war die letzte Zeit, in der die East India Company in Indien geherrscht hat, diese Firma letztendlich, die, wie ein Ölkonzern im mittleren Osten heute, mit ihren eigenen Sicherheitskräften das Land für sich nutzte. Die East India Company hat kolonisiert, aber nicht per se unterdrückt. Sie musste mit den Leuten zusammenarbeiten, denn sie wollte Geld machen. Am Ende dieser drei Jahre kommt die grosse indische Revolution von 1857. Danach ist die englische Krone eingeschritten, und damit ging der richtige Kolonialismus los.

Der Roman spielt vor 170 Jahren, aber leider stellt man fest, dass die Menschheit sich gar nicht so viel und so schnell entwickelt. Bei vielen Sachen, die mir im Laufe der Recherchen begegneten, vor allem in den Aufzeichnungen der Schlagintweits, dachte ich: Ja, das ist heute eigentlich immer noch so. Man sagt es vielleicht mit einem etwas anderen Vokabular, aber von der Einstellung her hat sich nicht viel getan. Vieles, was kolonial ausgelöst wurde, wirkt noch heute.

Das Herzstück

… des Romans – für mich das Herzstück des Schreibens überhaupt – ist dieser Wechsel der Perspektive. Das ist das Schönste. Damit kann man sehr viel reisen und noch dazu ziemlich günstig und umweltfreundlich. Man kann sogar in der Zeit reisen, oder in andere Geschlechter hinein. Das lag mir am meisten am Herzen und darum glaube ich auch, dass es so wichtig ist, diese Geschichte als Roman zu erzählen. Nur so können wir uns vielleicht ein bisschen reinfühlen in den Jungen. Selbst ein Film gibt einem nicht diese Möglichkeit, kann nicht so umfassend sein. Der Roman ist der beste Weg, das in dieser Komplexität zu erleben und zwar mit den Augen eines kleinen Waisenjungen Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Zitate stammen aus einem Gespräch, das Gabrielle Alioth am 20. April 2020 mit Christopher Kloeble führte.

Gabrielle Alioth

Geboren 1955 in Basel. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften. Sie ist Autorin, Journalistin und Dozentin an der Hochschule Luzern. Sie lebt in Irland.

Gabrielle Alioth ist Mitglied der Programmkommission der 42. Solothurner Literaturtage.

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Samstag 20:00
Die Sehnsucht nach dem Fremden
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Das Museum der Welt

dtv, 2020