Die verfehlten Orte

Christoph Geiser liest aus seinen Erzählungen und spricht über Museen, Pädophile, Vanitas und die Kunst sich zu verirren.

Da ist etwas, was nicht (mehr) da ist, festgehalten
Aus: Christoph Geiser. Verfehlte Orte. 2019

Fünf Erzählungen formen den Band Verfehlte Orte von Christoph Geiser, dem Grenzgänger, Rechercheur, virtuosen und kompromisslosen Beobachter des Alltäglichen und Besonderen, dessen Schreiben sich durch eine in der zeitgenössischen Schweizer Literatur einzigartige literarische Konsequenz auszeichnet.

In der ersten Erzählung führt die durch ein Habitat naturgeschützter Zauneidechsen behinderte Ausgrabung einer nach der Wende zertrümmerten Leninstatue Christoph Geiser in seine sozialistische Vergangenheit zurück, und lässt ihn über den Verlust des Kollektivs und die Orientierungslosigkeit, die sich aus dem Untergang der Utopien ergibt, nachdenken.

In Der Neandertaler von Darmstadt entzieht Geiser sich dem akademischen Kollektiv, der «Fruchtbringenden Gesellschaft» (der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung), und sucht auf nächtlichen Irrwegen den Urmenschen.

Eine Auseinandersetzung mit Werk und Leben des deutschen Malers Adolph Menzel verbinden die dritte und vierte Erzählung, führen einmal in die Berliner Nationalgalerie zu Menzels Balkonzimmer, zum anderen nach Venedig, wohin eine Reproduktion von Menzels Knabenakt den Autor begleitet.

In der fünften und längsten Geschichte befasst sich Christoph Geiser mit den Sexualmorden von Rupperswil, jenem pädophilen Täter, der 2015 vier Menschen tötete und 2018 zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde.

Alle Erzählungen sind ein sprachgewaltiger vielschichtiger Dialog zwischen Erlebtem, Entdeckten, Assoziierten und einem ironisch einsamen «Wir», das sich dem Leser anvertraut.

Lesung von Christoph Geiser aus Verfehlte Orte © 2020, Solothurner Literaturtage, Yannick Mosimann

Christoph Geiser im Gespräch

Ein Fortschreiben in Fragmenten

Diese Geschichten sind assoziativ entstanden aus einer bestimmten Zeit heraus, in einer bestimmten Konstellation, aber nicht geplant. Es ist wie ein Fortschreiben in Fragmenten.

Zuerst war die Geschichte mit den Zauneidechsen, ein Fait Divers, wenn man so will. Man kommt plötzlich auf etwas, und dann beginnt eine Maschine zu laufen. Die zweite Geschichte war der Neandertaler, und das war auch etwas, was einfach in dieser Zeit passiert ist. Aber dann gab es Querverbindungen. Die Zauneidechsen gehen vom Politischen ins ganz Private, und der Neandertaler ist nochmals ein Versuch, sich in einem Kollektiv – einem anderen, akademischen Kollektiv – zu verorten, aber da flüchtet der Erzähler und kehrt in die Urgeschichte zum Urmenschen zurück.

Die «eherne Echse, der kleine Drache oder Saurier» aus dem Bücherregal des Autors (Foto: Michael Schläfli)

Die nächste Lösung wäre die Kunst, Menzel, das ist das private Glück und gleichzeitig Vanitas. Dann kommt Venedig, der Ausbruch, der völlig schief geht, und eigentlich wäre das Buch hier fertig gewesen, auf dem Friedhof San Michele.

Inzwischen aber hatte sich die Rupperswiler Geschichte ereignet, und ich hatte immer mehr das Gefühl, das gehört da rein und zwar auch unter dem Aspekt «verfehlte Orte», und unter dem Aspekt, dass wir am Anfang etwas Gesellschaftliches haben und am Schluss nochmals eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft.

Die Zauneidechse und die Rupperswiler Geschichte sind Geschichten, in denen eine Auseinandersetzung mit Politisch-Gesellschaftlichem ganz direkt stattfindet. Insofern ist für mich die erste Geschichte genauso brisant wie die letzte. Der Zusammenbruch einer ganzen Sozialisation, der Zusammenbruch einer ganzen Utopie ist für mich gerade so zentral.

Museen

Ich habe die Museen im Sommer 1983 entdeckt, als ich nach Berlin kam. Das war die Schockzeit von AIDS. Ich bin aus einer gewissen Verzweiflung in die Museen geraten und dort dem Amor von Caravaggio begegnet, aus dem ein ganz neuer Stoff wurde. Von diesem Moment an wurden die Museen für mich ein ganz wichtiger Ort, ein Ort, wo die Zeit stillsteht, wo die Zeit mehrschichtig wird. Es ist nicht ein Unort und auch keine Utopie, sondern ein anderer Ort, ein aus der Wirklichkeit, genauer aus der Zeit heraus geschnittener Ort.

Bilder

Bilder sind ideale Projektionsflächen. Bei Caravaggio habe ich gemerkt, wie sehr diese Bilder stillstehende Momente einer Geschichte sind, hochdramatisch, aber im Grunde als Geschichten festgehalten im höchsten dramatischen Augenblick. Diese Geschichten in Bewegung setzen, aus diesem gefrorenen Augenblick eine Bewegung machen, darum geht es mir, und wenn die Bilder anfangen zu leben, stürzt der Betrachter und Erzähler aus der Wirklichkeit in den Kunstraum.

Die Geschichte, in der es am ehesten um Bilder geht in dieser Sammlung, ist das Balkonzimmer, und da steht im Zentrum ein leeres Bild, ein leeres Zimmer, Vanitas. Das kann man eigentlich nur bildnerisch darstellen, und dann versuche ich mit der Erzählung diese Leere zu erkunden und auszufüllen.

Das Balkonzimmer von Adolph Menzel, Alte Nationalgalerie Berlin

Verirren

Das Verirren ist ein Motiv in dem Band, am deutlichsten in Venedig, wo man sich total und ständig verliert.

Ich bin ein 68er, komme aus der sozialistischen Utopie, die ein Orientierungspunkt war, der radikal zusammengebrochen ist. Seither ist das Thema Verirrung und Verwirrung zentral.

Es ist auch eine Befreiung, sich verlieren und sich verirren zu können. Man ist plötzlich an einem Ort, an dem man gar nicht sein wollte und entdeckt etwas. Der Neandertaler ist so ein Fall.

Es ist immer das Verfehlen des Ziels. Jemand sagte mal, um glücklich zu werden, muss man immer haarscharf am Ziel vorbeischiessen.

Rupperswil

Für mich war der zündende Moment für diese Geschichte, als ich begriff, dass wir es hier mit einem Extremfall der bürgerlichen Lebenslüge zu tun haben. Dieser Typ wollte ja überangepasst bürgerlich sein, hat sich so gegeben, hat sich eine Fassade zugelegt und war im Prinzip mit seiner Pädophilie der absolute Aussenseiter, der er aber nicht sein durfte. So hat er etwas konstruiert, wie er diese Seite leben und gleich wieder auslöschen kann, am Ende durch eine Feuersbrunst, einem Autodafé, das missglückte.

Im Grunde ist das ein Urthema von mir: die bürgerliche Lebenslüge, und dies war für mich die schlimmst mögliche Folge davon. Der Täter von Rupperswil muss alle Zeugen vernichten, er muss den vernichten, den er liebte, und er muss alle Spuren vernichten, um im Grunde nachher wieder der Bürger zu sein, mit dieser verrückten Idealvorstellung, im Sessel zu sitzen vor dem Kaminfeuer mit einem Glas Rotwein und dem Hund daneben. Das hat er ja selbst so gesagt, und dieser mörderische Widerspruch war das, was mich interessierte.

Aussenseiter

Ich bin mit dem Bewusstsein, dass ich ein Aussenseiter bin, grossgeworden, und bei mir lief die Entwicklung des Bewusstseins des Aussenseitertums parallel zur Entdeckung der Literatur.

Es ist auch das Provokative, das Rebellische, es ist die Gegenposition. Ich stamme bekanntlich auch einer extrem bürgerlichen Familie und musste einen Punkt ausserhalb finden. Ursprünglich war es auch ein Feindbild, sich abgrenzen vom Bürgertum, das Bürgertum als missratene Gesellschaft. Inzwischen ist das etwas anders. Die Grenzen sind nicht mehr so klar. In gewissem Sinn hat mein Aussenseitertum zugenommen, hat sich verstärkt, weil das sozialistische Kollektiv wegfiel.

Das ist auch dieses komische «Wir» in der Erzählposition. Das ist ja eine Absurdität, denn im Prinzip ist der Erzähler eine vollkommen vereinzelte Person und versetzt sich in den Plural. Aber das ist die Sehnsucht nach dem Kollektiv, das nicht mehr existiert. Am deutlichsten kommt das in der Venedig-Geschichte zum Ausdruck, wo der Erzähler sich von der Masse absetzt.

Ironie

Ich glaube, dass die Ironie mich immer wieder rettet. Ohne sie wäre es unerträglich. Die einzige Geschichte, wo man nicht schmunzeln kann, ist die letzte. Aber es hat auch dort ironische Elemente drin, bezogen auf den Erzähler. Selbstironie eben. Der Erzähler bleibt eine ironische Person.

Ich schreibe nicht nur für mich, ich will etwas mitteilen, aber ich frage mich eigentlich nicht, ob die Leute das wissen wollen oder nicht, sondern ich sage: Ich will euch das sagen, also hört zu.

Knabenakt von Adolph Menzel, Original im Kupferstichkabinett der Berliner Gemäldegalerie

Pädophile

Sie ist das letzte Tabu in unserer Gesellschaft, wieder verstärkt heute. Alles Tabuisieren hat sich darauf fokussiert. Denn das Kind ist die Ikone der Unschuld in einer abgrundtief schuldigen Gesellschaft. Folglich muss diese Ikone unberührbar sein. Das ist die übergeordnete Erklärung, es gibt noch viele Suberklärungen, auch dass erzieherische Gewalt nun auf das Sexuelle fokussiert wird, aber es gibt natürlich noch ganz andere Formen erzieherischer Gewalt.

Und noch etwas: Die Rupperswiler Geschichte geht über Pädophilie hinaus, indem es um das Thema Aussenseiter und Anpassung geht. Es könnte im Grunde egal sein, was für eine Aussenseiterkonnotation es ist. Dass der Täter pädophil ist, ist aber schon symptomatisch. Wenn er nun einfach schwul wäre, dürfte er das in dieser gesellschaftlichen Konstellation eigentlich auch nicht sein, aber es wäre nicht so ein Drama.

Es geschieht immer alles erst im Nachhinein.

Alles geschieht erst in dem Moment, in dem ich es aufschreibe. Es heisst im Buch: «Es geschieht immer alles erst im Nachhinein. Der Bildschirm der Gegenwart ist schwarz.» Das ist eine Definition meines Schreibens. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Zeitbegriff, wie erlebe ich etwas. Erlebe ich es linear oder erlebte ich es umgekehrt und auf mehreren Zeitebenen.

Tod

Das sind doch die grossen Themen, Liebe und Tod. Für mich ist es heute die Konfrontation mit dem eigenen Tod, die aus verschiedenen Gründen zugenommen hat. Angefangen hat es mit der AIDS-Katastrophe, ganz stark kam es dann wieder ins Zentrum mit dem Tod meiner Eltern oder überhaupt dem Verschwinden der Generation über mir und vor allem dem Tod meiner Mutter. Das plötzliche Hereinbrechen des Bewusstseins vom eigenen Tod.

Vor allem aber ist es eine Auseinandersetzung mit Vanitas, also mit der Frage, was bleibt? Das ist eigentlich das Zentrum.

Die Zitate stammen aus einem Gespräch, das Gabrielle Alioth am 21. April 2020 mit Christoph Geiser führte.

Gabrielle Alioth

Geboren 1955 in Basel. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften. Sie ist Autorin, Journalistin und Dozentin an der Hochschule Luzern. Sie lebt in Irland.

Gabrielle Alioth ist Mitglied der Programmkommission der 42. Solothurner Literaturtage.

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Verfehlte Orte

Secession, 2019